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  • Netzwerke(n) und das Teilen von Macht

    Wie im Aviso zum 4. #sbsmTaalk angekündigt folgt hier ein eigener Beitrag zum Buch «Die Formel der Macht» von Harald Katzmair und Harald Mahrer; das heißt zumindest im weitesten Sinne.

    Rezensionen des Buches gibt es – lmgtfy – und hier im Vorfeld unseres #sbsmTaalks eine weitere allgemeine Besprechung anzuschließen, das ist angesichts der Perspektive unserer Diskussion weniger reizvoll. Stattdessen konzentrieren wir uns auf einzelne Aspekte und Thesen des Buchs, ergänzen diese dafür mit weiterführenden Verweisen und Fragen.

    Was ist die besonderen Perspektive unseres nächsten #sbsmTaalks.1
    Worauf wollen wir uns konzentrieren?

    Der Titel lautet ja nun Netzwerke der Macht vs. Soziale Netzwerke. Er war in der Form ein ergänzungsbedürftiger Schnellschuss, nämlich als Schlagwort für eine von drei Wahlmöglichkeiten, was wir nach dem 3. #sbsmTaalk als nächstes diskutieren sollten. (Und die Ergänzungen kommen gleich, also hier geblieben.) Andererseits funktioniert er, auch wenn wir noch diffus lassen, welche Betrachtungsweise oder welche Organisationen mit “Netzwerken der Macht”, und was denn alles mit “Sozialen Netzwerken” gemeint ist.

    Netzwerkgesellschaft?

    Das Phänomen der Netzwerke beschäftigt uns einfach alle seit geraumer Zeit. Nicht erst seit dem Auftauchen solcher Plattformen wie Facebook, nicht einmal erst seit dem ‘sich in die Technologie- und Menschheitsgeschichte drängen’ von Internet und World Wide Web geht das Gerücht, dass soziale Netzwerke immer wichtiger werden und andere Organisationsformen vergleichsweise an Bedeutung verlieren.
    «Wir wollen keinen Verein, keinen Verband, keine Partei und also keine “Organisation” bilden sondern als (offenes) Netzwerk funktionieren!», ist spätestens seit den 1980ern ein populärer Anspruch, der es manchmal sogar bis in die Leitbilder und Statuten(?) von Vereinen und Verbänden schafft.2

    1996 rufen die Zapatistas in Chiapas zur Bildung interkontinentaler Netzwerke gegen den Neoliberalismus auf, die möglichst frei von institutionalisierten Hierarchien sein sollten. Quasi “kopflos, so dass der Kopf einer Bewegung auch nicht abgeschlagen werden könne”. Der #sbsm Mitautor Philipp Sonderegger hat am Höhepunkt von #unibrennt «das “geheime” Netzwerk der Studierenden» so beschrieben. Michel Reimon hat sich in seinem #sbsm-Beitrag dieser Geschichte der Zapatistas bis zu indymedia und wikileaks gewidmet. Im #sbsm Glossareintrag zu Sozialen Netzwerken ist schließlich die Zeitdiagnose Ende des letzten Jahrhunderts angesprochen, die einen Paradigmenwechsel zur “Netzwerkgesellschaft” ausruft und mit dem Namen Manuel Castells verbunden ist.

    In all diesen Fällen sprechen wir von «sozialen Netzwerken», ohne unter dem Begriff das zu verstehen, was heute zuerst in den Sinn kommt (bzw nicht mehr in den Sinn kommt): Myspace, StudiVZ, Xing, Facebook, Twitter, …

    Soziale Netzwerke und die Soziale Netzwerke Analyse

    Nicht nur gibt es den Begriff der «sozialen Netzwerke» länger, als Plattformen wie Myspace und Facebook existieren. Auch Netzwerktheorie, grafische Darstellungen von Knoten, Beziehungen und Clustern sowie die Analyse von sozialen Netzwerken reichen vor das zurück, was wir heute in der Regel als «sozialen Netzwerke» ansehen. Das verdient deswegen besondere Erwähnung, weil mensch eine ganze Menge an Netzwerken analysieren bzw über Netzwerke aussagen kann, unabhängig davon, ob es sich um Beziehungsnetzwerke zwischen Menschen, um Netzwerke zwischen Maschinen oder solche zwischen Organisationen handelt.

    Soziomatrix: Welches Element hat mit welchem Element 1 oder 0 Beziehungen.Muster in Netzwerkbeziehungen, zum Beispiel Stern-, Ring- oder Liniengrafen.Die unterschiedliche Lage, Rolle oder Stellung im Netzwerk; und damit Bedeutung als Knotenpunkt für das Netzwerk.
    Formale Aspekte von Netzwerken. Die Frage, wie zentral Knotenpunkte liegen (“Zentralität”):
    ➊ Welche Knoten haben die meisten Verbindungen?
    ➋ Wie nahe bzw. wie weit auseinander liegen Knoten.
    ➌ Welche Knoten liegen auf möglichst vielen Wegen zwischen anderen Knoten und werden daher für diese Wege “zentral” gebraucht?

    (Aus Boris Holzer: Netzwerke, gut geeignet als Einführung.)

    Von sozialen Netzwerken sprechen wir, wenn es sich bei unseren Netzwerkknoten um Menschen und bei ihren Verbindungen um persönliche Beziehungen handelt. Bei persönlichen Beziehungen besonders interessant ist nun, der «instrumentelle Aspekt, dh. die Verwendbarkeit von Kontakten, um Ziele zu erreichen»3 … die Frage des “Sozialkapitals“, die Frage von gesellschaftlichem Einfluss, von Macht.

    Hier sind wir nun beim Buch von Harald Katzmair und Harald Mahrer. Im Vorwort der Anspruch:

    Das Buch plädiert für einen pragmatischen Umgang mit Macht. Es nimmt Macht-Netzwerke analytisch unter die Lupe. Mit den Methoden der modernen Netzwerkforschung und mit Netzwerk-Know-how aus jahrzehntelanger Beratungspraxis zeigen wir, was Macht ist, wie sie funktioniert und wo ihre Zentren liegen. Wir stellen dar, was Netzwerke mächtig macht – und welche Netzwerke zur Machtlosigkeit verdammt sind.

    Schließlich zeigt «Die Formel der Macht», wie Macht gewonnen werden kann, um die Zukunft zu gestalten.

    Die Formel der Macht

    Die Formel erscheint nun banal, sie wird nicht nur in den ersten Seiten schon enthüllt, sie steht schon am Umschlag, eine einfache Multiplikation (enttäuscht? :neutral: ):
    Macht = Geld x Beziehungen.

    Es wird freilich schon etwas komplizierter und komplexer. So wird die banale Variable “Geld” gleich einmal zur Variable “Ressourcen” umgewandelt, und Ressourcen können etwas anderes sein als nur Moneten, Moneten, Moneten. Genannt und besprochen werden als «ökonomische Ressourcen» neben Geld auch Wissenskapital und als «symbolische Ressourcen» Werte, Haltungen, Visionen, …
    Außerdem betonen die Autoren einen wichtigen Aspekt punkto Ressourcen. Sind die Ressourcen gebunden oder frei verfügbar? Macht definieren sie nämlich als Handlungsmacht, als Befähigung zu machen, zu gestalten, die Regeln zu bestimmen. Dafür bedarf es nicht nur Kapitals und Beziehungen sondern vor allem freier Ressourcen.

    Aus der diffusen Variable “Beziehungen” wird zudem nach wenigen Seiten die vielschichtigere und gleichzeitig exakter definierte Variable «Netzwerk». Damit geht es nun nicht allgemein um Beziehungen sondern um die Lage/Zentralität in Netzwerken, die Größe aber auch Dichte von Netzwerken, die Art und Funktionsweise des Netzwerkes. Schließlich geht es auch darum, welche Position das “eigene” Netzwerke in der “Pyramide der Macht” in Relation zu den anderen Netzwerken der Macht einnimmt.

    So ist die simple Formel denn doch etwas interessanter, va wenn mensch sich – was im Buch betont wird – die Rechenoperation vergegenwärtigt: die Multiplikation.

    Macht = Ressourcen X Netzwerk

    Großer Wert bei Ressourcen und kleiner Wert bei Netzwerk oder vice versa, das ist ja ganz schön aber bleibt mager. Stellen wir uns die Extrembeispiele der Multiplikatoren 0 oder 1 vor … das Bild ist klar.
    Umgekehrt, mittelmäßig ansehnliche Werte auf beiden Seiten der Multiplikation … und ja, es multipliziert sich! Sagen Katzmair und Mahrer.

    Machtlose Netzwerke und die Illusion von Macht

    Die Autoren landen im Verlaufe des Buches immer wieder bei Besprechungen und Analysen von Macht-losen Netzwerken und der Illusion von Macht. Da geht es einmal um «Die Schein-Macht der Politik» (, die sich getrieben von den Märkten mit sich selbst beschäftigt), um die in Schwarz-Weiß-Programmatik erstarrten Netzwerke (, die nicht ausreichend pragmatisch, flexibel und lösungsorientiert sein können), um die nicht mehr wachsenden Netzwerke (Netzwerken ist der Zwang zum ständigen Wachstum eingeschrieben), um die Lüge der «Social Media als gefeierte neue Gegenmacht» (, die ein “falsches” Netzwerk darstellt und beim Multiplikator “Ressourcen” scheitert).

    Im Kapitel zu den Lügen der Sozialen Netzwerke charakterisieren die Autoren “Als-ob”-Netzwerke, die von der Illusion von Macht leben.

    Wer sein soziales Kapital in ein solches Netzwerk einbringt, wird nicht mit Zinsen aus dem Netzwerk, mit einer Netzwerk-Rendite, sondern mit erheblichen Verlusten rechnen müssen. Kennzeichen machtloser Netzwerke, auf die jeder schon gestoßen ist, sind:

    • viel Marketing und wenig Inhalt
    • machtlose Mitglieder (Personen wie Institutionen)
    • keine relevanten Anliegen des Netzwerkes
    • keine Selektion der Mitglieder (etwa durch Empfehlungen)
    • keine Offenheit für Innovationen
    • pompöse Funktionen und Titel
    • übertriebene Inszenierung und Selbstdarstellung von “Führungspersönlichkeiten”

    Im Web 2.0 ist in der Analyse der Autoren eine Ökonomie der Reputationspunkte entstanden, die große Investitionen verlangt, um etwas Reputation aufzubauen. (Siehe auch das Stichwort “Aufmerksamkeitsökonomie” im Buchbeitrag zu “Sharing”.)

    Die Erträge aus den Effekten dieser Ökonomie stehen jedoch in einem fast absurden Verhältnis zu den Erträgen jener, die mit den Daten über die “User” und Mitglieder, über ihre Eigenschaften und ihr Kommunikationsverhalten ein Multimilliarden-Dollar-Business aufziehen.

    Ein Problem der Sozialen Netzwerke auf Facebook und Co. machen die Autoren in dem aus, was wir im letzten #sbsmTaalk unter dem Begriff “Echokammern” diskutiert haben. Außerdem wird der legendäre Click-Aktivismus (sic) der Facebook-Mitglieder als «Macht-Anmutung» bemüht, das Fehlen von Repräsentanten bemängelt – die Social Media «gauckeln uns vor, dass hochkomplexe Entscheidungsprozesse nicht von Repräsentanten gefällt werden müssen, sondern alle alles entscheiden können [..] Ein demokratiepolitisch gefährlicher Irrtum» – und #unibrennt wird als Beleg für den «Mythos der Gegenmacht» ins Feld geführt.

    Soziale Netzwerke sind probate Mittel, um eine Druck- und Drohkulisse aufzubauen. Sind aber mangels Repräsentation nicht verhandlungs- und daher auch nicht handlungsfähig. Das Beispiel der Studentenstreiks 2009 zeigt, dass sich mit sozialen Netzwerken eine eigene Welt formen lässt, in der alles gleich wichtig oder unwichtig ist. Eine Welt, in der jeder anonym mitreden kann, wo jeder seine Stimme erheben kann und wo es keine Repräsentation durch Dritte gibt. Aber leider auch keine Macht.

    Im Kapitel zu den Lügen der Sozialen Netzwerke sind noch einige weitere Beispiele machtloser Netzwerke angeführt, solche mit online-Plattformen als Basis und solche rein in der offline-Dimension. Es gäbe schließlich keinen Widerspruch zwischen für die Mitglieder attraktiven Netzwerken und dem Umstand, dass diese gleichzeitig machtlosen Netzwerke seien. Vereine, Organisationen, Zusammenschlüsse wie zum Beispiel «die in den vergangenen Jahren entstandenen Frauennetzwerke» seien schön und gut, aber «mit Gleichgesinnten Probleme zu besprechen bedeutet noch keinen Zuwachs an Einfluss und noch weniger Zugang zu mächtigen Personen und deren Ressourcen».

    Entscheidend sei beim Netzwerken nun einmal, die “richtigen” Netzwerke und die “richtigen” Player in den jeweiligen Netzwerken ausfindig zu machen. (Wobei die Frage angebracht ist: und dann?)

    Das “Sharen” und das Inszenieren von Macht

    Was dann, wenn die richtigen Netzwerke und Big Player identifiziert sind, das behandeln Katzmair und Mahrer in weiterer Folge auch. Die notwendigen Schritte und Konsequenzen drängen allerdings die Frage in den Vordergrund, wie banal diese Techniken nicht sind und vor allem: ob diese Konsequenzen sich dafür stehen können.

    Mensch muss informiert sein, mensch muss seine Informiertheit zu Markte tragen. Mensch muss sich an der Inszenierung der Macht im Netzwerk beteiligen, in diese Inszenierung einstimmen und muss sich auch innerhalb des Netzwerkes um die Inszenierung der eigenen Rolle und Macht bekümmern. Mensch muss die Werte, Weltanschauungen und Codes des Netzwerkes voll mittragen. Mensch muss die Rituale mitvollziehen, seine Mitspielen unter Beweis stellen. Geteiltes Vertrauen ist Basis von Netzwerken und dieses Vertrauen ist zu erarbeiten, zu beweisen, aufrecht zu erhalten. Mensch muss auch für das Wachstum des gesamten Netzwerkes arbeiten und gleichzeitig innerhalb des Netzwerkes für die eigene Position darauf achten, Beziehungen zu mehreren Macht-Zentren zu haben.

    Was machen die Netzwerke der Macht dann? Sie sind – so der Titel des vorletzten Kapitels – «Das Management der Macht». Freilich kann nicht jedes Netzwerk Einfluss üben und Macht managen. Die Autoren sprechen hier das Innenleben, die innere Logik der tatsächlichen Netzwerke der Macht an, zeigen also, welche Gesetze in diesen Kreisen herrschen. Auch angesprochen werden die Versuche, eigene Netzwerke zu gründen, die bei diesem Spiel des Managements der Macht teilhaben wollen. Oft werden solche Netzwerke von Personen gegründet, die beim Einstieg in ein bestehendes Netzwerk der Macht scheitern. Die Etablierung neuer konkurrierender Machtnetzwerke ist freilich – wenig überraschend – nicht so einfach.

    Es scheint ein wenig so, dass die Player in den Netzwerken der Macht sehr eingeschränkt in ihrem Handlungsspielraum sind. Um im Konzert mitzuspielen, müssen die Spielregeln befolgt und beherrscht werden. Es geht also um Mitspielkompetenz im Management der Macht. Die Spielregeln sind vorgegeben und nicht wenig eng. Sie erlauben freilich, Spielregeln für andere aufzustellen. Mensch teilt sich die Arbeit im «Management der Macht». Die Macht wird durch das “sharen” nicht kleiner sondern größer. Die Player teilen innerhalb des Netzwerkes die Arbeit, das Netzwerk eines der “richtigen” sein zu lassen, eben eines, dass Einfluss übt und macht. Und nur die als Mitspieler_innen reinlässt, die das dazu notwendige Netzwerken-Spiel mitspielen.

    1. Für die Neuen hier, der Name leitet sich aus der Kombination von #sbsm und #taalk ab. Ersterer Teil ist klarerweise das Chiffre des gesamten #sbsm-Cross-Media-Projekts «Soziale Bewegungen und Social Media». Der zweite Teil bezieht sich auf das Format einer Podiums- und Publikumsdiskussion, die erstens per Live-Stream via WWW übertragen wird, zweitens interaktiv offen für Kommentare und Besprechungen via Twitter ist, sowie drittens per Aufzeichnung und Nachbearbeitung via Youtube und Blogposts weiter abrufbar und dokumentiert bleibt. []
    2. Achtung: Nicht zu verwechseln mit der Organisationsform, die Jörg Haider nach Knittelfeld seiner … ähm … Partei affichiert hat. []
    3. aus Boris Holzer: Netzwerke, S. 8 []