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  • Was bezeichnet das Begriffspaar: kalte und heiße Institutionen

    In knapp zwei Wochen findet unser 3. #sbsmTaalk statt. Das Podium ist vielversprechend besetzt. Der Themenbereich ist mit dem Titel «Im Angesicht der Komplexität. Über Echokammern, heiße und kalte Institutionen» angekündigt. So viel steht schon im Aviso zur Veranstaltung, gepostet letzte Woche.

    Guido Brombach, in zwei Wochen unser Gast hier in Wien und am Podium, hat Anfang dieser Woche bereits einen kurzen Input nachgeschossen, nämlich zum Begriff “Echokammern”, den er auch schon in das Buch eingebracht hat.

    In diesem Beitrag folgt nun ein kurzer Input dazu, was mit der Begrifflichkeit der “kalten” oder “heißen Institutionen” bezeichnet wird. Und noch diese Woche sollte sich schließlich der Eintrag ausgehen, der den ersten Titelteil klärt: von welcher Komplexität wird die Rede sein? Wer sieht ihr ins Angesicht?

    Die Unterscheidung kalter und heißer Kulturen

    Die Unterscheidung kalt versus heiß, von der hier gesprochen wird, geht auf den bedeutenden Anthropologen, Ethnologen Claude Lévi-Strauss zurück, und ja, sie ist ziemlich berühmt geworden.

    Lévi-Strauss verwendet die Unterscheidung vorerst einmal nicht, um Institutionen sondern um ganze Gesellschaften beziehungsweise Kulturen in einer wichtigen Eigenschaft voneinander zu unterscheiden. Kalte Kulturen sind statische, quasi eingefrorene Gesellschaften, die keinen sozialen Wandel unterliegen, die sich in ihrer grundlegenden Funktionsweise nicht verändern sondern stabil so sind, wie sie immer schon waren. Heiße Kulturen sind das Gegenteil, sich ständig verändernde, sich wandelnde, in laufender Entwicklung befindliche Gesellschaften.

    «Heiße” Gesellschaften dagegen sind durch ein “gieriges Bedürfnis nach Veränderung” gekennzeichnet und haben ihre Geschichte (“leur devenir historique”) verinnerlicht, um sie zum Motor ihrer Entwicklung zu machen.»1

    Preisfrage: Was wäre eine reichlich kalte, was wäre eine ziemlich heiße Kultur/Gesellschaft?

    Die Begrifflichkeit Lévi-Strauss ist bildhaft und übrigens möglicherweise von Karl Marx inspiriert. Der hat nämlich bereits vor 150 Jahren die moderne bürgerliche Gesellschaft mit der kapitalistischen Produktionsweise in Abgrenzung so charakterisiert, dass sie ständigen strukturellen Wandel antreibt und traditionelle Ordnungen verdampfen.

    «Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.»2

    Um Kapitalismus wird es bei uns im #sbsmTaalk nicht gehen, aber obiges Zitat zeigt indirekt auch, worum es uns gehen wird. Für den Drang zu ständigem Wandel gibt es Faktoren, Hintergründe, Ursachen. Ebenso für gesellschaftliche Erstarrung, das Einfrieren von Zuständen, das Blockieren von Reformen.

    Traditionelle Kulturen, die sich über Generationen und manchmal über Jahrhunderte in ihren Strukturbedingungen nicht wesentlich ändern, frieren sozialen Wandel ein. Beschleunigter, heißer sozialer Wandel ebenso wie die konservierte, kalte Gesellschaftsstruktur sind keine zufälligen Charakteristika von Kulturen und Gesellschaften. Die eine wie die andere Dynamik bedarf der Institutionen, die Funktionen in die eine oder andere Richtung erfüllen.

    Die Institutionen und die Temperaturfrage

    Kalte Kulturen definiert Lévi-Strauss selbst mit Rückgriff auf “Institutionen” als Gesellschaften, die danach streben,

    «kraft der Institutionen, die sie sich geben, auf quasi automatische Weise die Auswirkungen zum Verschwinden zu bringen, die die geschichtlichen Faktoren auf ihr Gleichgewicht und ihre Kontinuität haben könnten.»3

    Da kommen die Institutionen zwar als Faktoren schon vor, aber sie haben selbst noch keine Temperatur. Der Ethnologe Mario Erdheim4 hat die Konzeption der heißen und kalten Kulturen dahingehend weiter differenziert. Er will es genauer wissen und unterscheidet Kühlsysteme und Heizsysteme innerhalb von Gesellschaften, also Institutionen, die Wandel antreibend wirken und solche, die Wandel eher hemmen und einfrieren.

    Klassische Beispiele von kalten Institutionen in unserer ansonsten ja sehr heißen modernen Gesellschaft? Da nennt Erdheim z.B. die Kirche oder das Militär.

    Preisfrage: unsere Bildungssysteme heute in Österreich und Deutschland, eher heiß oder kalt?

    Tja, und da sind wir bei der Relevanz für unseren #sbsmTaalk am 27. März, den wir natürlich per Live-Stream übertragen und nachher dokumentieren werden, zu dem aber auch jetzt schon Fragen, Thesen gepostet werden können, so wie auch während der Diskussion via Twitter

    Sozialer Wandel, gesellschaftliche Transformation, was wirkt hemmend, was treibt an. Soziale Bewegungen und Social Media?
    Klar, davon handelt unser Buch ja unter anderem auch. Aber darüber werden wir genauer reden. Und auch über Bildung, über Demokratie, das Mediensystem und die Situation im Journalismus, den Medienwandel, das politische System, die Interaktionen, die Komplexität. :roll:

    1. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis, München 1992, S. 68 []
    2. steht im kommunistischen Manifest []
    3. Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken, Frankfurt 1973, S. 270 []
    4. hier übrigens eine Hinweis, der unseren Michael Horak interessieren wird, Mario Erdheim dazu, was Esoterik und Faschismus miteinander zu tun haben. []